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Mad Men

Mad Men ist stylish. Mad Men ist cool. In Mad Men sind die Männer noch richtige Männer. In Mad Men haben die Frauen noch ihren Platz im Haushalt oder im Vorzimmer ihres Chefs, bestenfalls in einem Hotelbett mit ihm. In den Palästen der Werbeagenturen auf der Madison Avenue (daher der herrlich zweideutige Titel Mad Men) ist nicht viel zu merken von Emanzipation, Bürgerrechtsbewegung und dergleichen. Hier gibt's gleich zum Frühstück einen Drink, die Zigarette ist sowieso obligatorisch, und der Sexismus gehört zum Büroalltag. Wir merken allerdings schnell, dass alles Theater ist. Jeder spielt seine Rolle, mehr oder weniger bereitwillig. Die wahren Gefühle kommen nicht zum Vorschein. Sie werden unter Verschluss gehalten und eingezwängt, so wie die überwältigenden Kurven der Chefsekretärin Joan Harris (Christina Hendricks). Das kann unter Umständen schon mal zu nervigen Einschnürungen und Druckstellen führen.

Don Draper (Jon Hamm) ist die Hauptfigur der Serie, Kreativdirektor der (fiktiven) Werbeagentur Sterling-Cooper. Seine Figur steht stellvertretend für das ganze System. Die Erscheinung nach außen hin ist Fassade. Niemand weiß wirklich, wer dieser Don Draper ist, nicht einmal seine Frau Betty (January Jones).

Doch langsam erscheinen Risse in der Mauer. Der Putz bröckelt hier und dort ab und bringt die eine oder andere Leiche im Keller zum Vorschein, und das ist nicht nur metaphorisch gemeint. Diese kleinen Enthüllungen finden ihre Entsprechung in den kleinen Veränderungen im gesellschaftlichen Umfeld. Plötzlich gibt es doch eine Frau im "Chefsessel", wenn Peggy Olson (Elisabeth Moss) auf ihr Recht besteht, einen führenden Posten zu bekommen. Die Frau zuhause lässt sich nicht mehr mit erfundenen Geschichten abspeisen und wird zur autonom Handelnden, womit der Womanizer Don Draper nicht so einfach zurecht kommt.

Was Mad Men so hervorragend macht, ist nicht allein die üppige und bis ins kleinste Detail gehende Rekonstruktion der Zeit zu Beginn der 60er Jahre. Auch nicht der grandiose filmische Look, der in den USA mittlerweile schon Standard bei den guten (und sogar mittelmäßigen) Fernsehserien ist, während er bei uns immer noch absoluten Ausnahmestatus besitzt. Schließlich ist es auch nicht das fabelhafte Drehbuch, das vermeintlich einfach daherkommt, aber eine große - auch interpretatorische - Tiefe besitzt. Diese Dinge machen Mad Men zu einer guten Serie. Hervorragend wird Matthew Weiners Idee durch die Einsicht, die sie uns in den Ablauf der Geschichte gestattet. Es sind nicht die großen Männer und Bewegungen, die Geschichte vorantreiben. Im Alltag findet die Umwälzung statt. Wenn Peggy nicht bereit ist, ihren Job als Sekretärin fortzuführen, sondern verlangt, was für jeden Mann in derselben Position verständlich ist. Wenn Betty ihre Rolle als Hausfrau, Mutter und Prestigeobjekt in Frage stellt und ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse artikuliert. In diesen Situationen finden die (manchmal revolutionären) Änderungen statt. Geschichte ist kein Ding, das uns zustößt, sondern etwas, als dessen Teil wir selbst agieren. Durch die Figuren in Mad Men, die diese Erkenntnis gewinnen, können wir es lernen. Diese kleinen und auf den ersten Blick unschuldigen Handlungen sind die Vorläufer für Bürgerrechts- und Emanzipations- oder Antikriegsbewegungen. Dass Weiner uns das mit Mad Men erfahren lässt, macht seine Serie so genial und um vieles wertvoller als die Verdummungssendungen von Guido Knopp.

Meine Wertung: 
10

Filmography links and data courtesy of The Internet Movie Database.